«Bloodbook» feiert rauschhafte Premiere in Berlins Vaganten Bühne
Marijan Mangold«Bloodbook» feiert rauschhafte Premiere in Berlins Vaganten Bühne
Ausverkauftes Haus bei der Premiere von Bloodbook in Berlins Vaganten Bühne
Am Dienstag strömten die Zuschauer in die ausverkaufte Vaganten Bühne in Berlin zur Premiere von Bloodbook, der Bühnenadaption des preisgekrönten Romans von Kim de l'Horizon. Die Inszenierung verwandelt die tief persönliche Geschichte der Schweizer Autor:in – eine Mischung aus genderfluider Identität, Familiengeschichte und Heilung – in ein packendes Theatererlebnis.
Der Roman selbst schrieb 2022 Geschichte, als er sowohl mit dem Deutschen Buchpreis als auch mit dem Schweizer Buchpreis ausgezeichnet wurde – ein seltener Doppelsieg. Nun verspricht sein Weg von der Seite auf die Bühne, Grenzen noch weiter zu verschieben.
Das Stück beginnt mit einem kühnen Bild: Zerrissene beige Strumpfhosen hängen von der Decke, gefüllt mit Sand und beschwert von Kugeln. Darüber leuchtet der Titel Bloodbook in roter gotischer Schrift vor einem weißen Fransenvorhang. Diese düstere Bildsprache setzt den Ton für eine Erzählung, die sich einfachen Definitionen entzieht.
Im Zentrum der Geschichte steht Kim, eine Erzählerin, deren Körper sich binären Zuschreibungen entzieht. Gespielt von drei Schauspieler:innen – Julian Trostorf, Annemie Twardawa und Emma Zeisberger – verkörpert die Figur Fließendes, wechselt zwischen Identitäten so mühelos, wie die Darsteller:innen ihre Rollen tauschen. Kims Suche hat zwei Ziele: Scham in Selbstakzeptanz zu verwandeln und die vergrabene Geschichte ihrer mütterlichen Linie freizulegen.
Ein zentrales Motiv ist die Blutbuche, ein Baum, den Kims Urgroßvater gepflanzt hat. Unter ihren Ästen findet Kim Sicherheit, einen seltenen Halt in einer Welt der Instabilität. Doch der Baum wird auch zum Tor in die Vergangenheit. Durch die Recherchen der Mutter über die weibliche Ahnenreihe deckt Kim transgenerationale Traumata auf – stumme Lasten, die über Generationen weitergegeben wurden. Die Bühnenfassung verwebt diese Enthüllungen zu einer fragmentarischen, poetischen Erforschung von Erinnerung und Identität.
Die ausverkaufte Premiere unterstreicht die anhaltende Resonanz des Romans. Das Publikum kam nicht nur, um ein Theaterstück zu sehen, sondern um sich mit den Grenzen von Sprache, Geschlecht und geerbtem Schmerz auseinanderzusetzen.
Die Uraufführung markiert ein neues Kapitel für Bloodbook und erweitert seine Wirkung über das Buch hinaus in die lebendige Performance. Indem es rohe autobiografische Elemente mit mutigen theaterischen Entscheidungen verbindet, fordert die Adaption die Zuschauer:innen auf, sich mit Unbehagen zu konfrontieren – und vielleicht darin Befreiung zu finden.
Mit seiner Erforschung eines genderfluiden Körpers und der Last unerzählter Familiengeschichten lässt das Stück wenig Raum für passive Beobachtung. Stattdessen verlangt es Engagement – ganz wie Kims eigener Weg zur Selbstannahme.






