Halberstadts vergessene jüdische Geschichte zwischen Zerstörung und DDR-Erinnerungspolitik
Xaver Dussen vanHalberstadts vergessene jüdische Geschichte zwischen Zerstörung und DDR-Erinnerungspolitik
Halberstadts jüdische Geschichte reicht von einer einst blühenden neo-orthodoxen Gemeinde bis zu ihrer fast vollständigen Auslöschung unter der NS-Herrschaft. Die Vergangenheit der Stadt ist zudem eng verknüpft mit dem komplizierten Verhältnis der DDR zu ihrem jüdischen Erbe – geprägt von Mahnmalen, Zensur und vergessenen Legaten. Aktuelle Ereignisse, wie der Verkauf eines historischen Gebäudekomplexes im Jahr 2018, haben sogar alte Vorurteile wiederaufleben lassen.
Die Zerstörung der jüdischen Gemeinde Halberstadts begann 1938 mit der Sprengung ihrer Synagoge. Bis 1942 hatte das NS-Regime das einstige Zentrum des Neo-Orthodoxie-Judentums ausgelöscht. Der Pastor Martin Gabriel merkte später an, dass dieser Gewaltakt den Ton für die weitere Verwüstung der Stadt setzte.
Nach dem Krieg entstand 1949 am Standort des ehemaligen Konzentrationslagers Langenstein-Zwieberge ein Mahnmal, das an die Opfer von Zwangsarbeit erinnerte. Doch bereits 1969 wurde die Gedenkstätte umgestaltet – zu einem Ort politischer Treuebekundungen. Das neue Denkmal stand direkt über den Gräbern der Häftlinge.
Das Verhältnis der DDR zur jüdischen Geschichte blieb ambivalent. 1952 zog die niederländische Widerstandskämpferin Lin Jaldati nach Ost-Berlin und nahm drei Schallplatten auf. Doch nach dem Sechstagekrieg 1967 verschwand ihre Musik aus den Sendungen. Gleichzeitig hielten Romane wie Jakob der Lügner von Jurek Becker und Die Bilder des Zeugen Schattmann von Peter Edel Fragmente jüdischer Kultur in der DDR-Literatur lebendig.
1961 war Willy Calm der letzte Jude in Halberstadt. Mit seinem Tod in jenem Jahr endete die jüdische Präsenz in der Stadt; er wurde auf dem jüdischen Friedhof an der Quenstedter Straße beigesetzt. Jahrzehnte später nutzte die DDR das Tunnelsystem des Lagers als Militärdepot für die Nationalen Volksarmee.
2018 löste der Verkauf des Gebäudekomplexes Rathauspassagen Gerüchte über einen „Verkauf an die Juden“ aus. Die Reaktion zeigte, wie tief die Vergangenheit der Stadt noch nachwirkt. Philipp Grafs Buch Verweigerte Erinnerung untersuchte später diese Spannungen und deckte auf, wie die DDR an ihren antifaschistischen Ansprüchen scheiterte.
Halberstadts Geschichte spiegelt Zerstörung und bruchstückhafte Erinnerung wider. Die jüdische Gemeinde wurde ausgelöscht, während die Versuche der DDR, diese Vergangenheit aufzuarbeiten, oft unzureichend blieben. Noch heute offenbaren Debatten über historische Stätten und Literatur, wie dieses Erbe fortlebt.






